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Erlebnisberichte

von tabea/erlebnisberichte 

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Brasilien, São Paulo - CENA Büro/Zentrum

Liebe Freunde,

nach dem Aufenthalt in der Casa Familia (sorry, aber ich komm immer seltener zum schreiben!) bin ich jetzt im Buero der Mission CENA und damit auch im Zentrum von São Paulo gelandet. Das Buero besteht aus einer kleinen Kueche mit Wohnzimmer und einem Buero in dem ich hier mit allem Sack und Pack wohne! Wie das geht?! Ganz einfach - wir raeumen abends unsere Matratze raus und morgens unser Schlafgemach wieder weg. Derzeit bin ich mit Iriam (einer "verrueckten" brasilianischen Praktikantin) hier. Und João Carlos wohnt in seiner Ein-Zimmerwohnung nebenan. Er arbeitet seit 6 Jahren mit der Mission CENA zusammen und hat vorher ein bisschen Sport und Theologie studiert, ist jetzt also unser sportlicher Pastor!

Hier laeuft es noch mal anders als im Familienhaus ab. Morgens ist freie Zeit, in der wir meistens viel Zeit zum Bibel lesen und gemuetlichen fruehstuecken haben, danach putzen wir das Buero und kochen uns schnell was zu Mittag (und das wirklich schnell, so dass alle meine mehr oder weniger vorhanden Kochkuenste jetzt ganz verdorben worden sind). Danach geht’s dann los...! Ich schreib Euch mal kurz den Wochenplan auf, wie es normalerweise sein soll, aber dadurch dass Weihnachten war, war alles immer ein bisschen anders...


Montag (segunda-feira): nachmittags ist Besuch der Transvestiten zusammen mit João Carlos


Dienstag (terça-feira): População de Rua – Speisung der 5000 (davon hab ich Euch schon im letzten Bericht erzaehlt!)


Mittwoch (quarta-feira): Distribuição de quentinhas – Verteilung der warmen Speisen, von Gefangenen des Untersuchungsgefaengnisses gespendet. Das sieht so aus, dass wir die warmen, abgepackten Speisen von der Cantina des Gefaengnisses abholen und an die Obdachlosen auf der Strasse verteilen - immer am selben Ort, die Leute warten dort schon! Das ist deshalb moeglich, weil an diesem Tag die Verwandten der Gefangenen Essen bringen koennen und dadurch das Mittagessen fuer uns uebrig bleibt!

Danach gehen wir (Praktikanten) mit Anna Caroline (einer 24-jaehrigen brasilianischen Mitarbeiterin der CENA, die seit 3 Jahren dabei ist) mit, um die Prostituierten in den Haeusern zu besuchen, in denen sie arbeiten. Wir reden mit ihnen ueber den Glauben und das sie die kostenlose, wahre Liebe und Freiheit haben koennen, wenn sie Jesus annehmen und an ihn glauben. Leider ist es wirklich schwer mit den Frauen, vor allem weil sie oft an diese Arbeit gebunden sind. Einerseits brauchen sie das Geld, vor allem um ihre Schulden abzuzahlen (meistens an die Puffmutter), und andererseits kommen sie so schneller an Geld ran, das sie vielleicht fuer ihre Kinder brauchen! Wir laden sie immer wieder ein, nach Juquitiba zu kommen, um ein anderes Leben kennenzulernen. Vor allem Gott kennenzulernen! Aber leider sind die Frauen sehr verschlossen und wohl auch innerlich sehr verletzt und lassen schwer jemanden das Innere wissen, was da in ihnen vorgeht (wollen wohl selber nicht viel darueber nachdenken).

Beim letzten Ausflug nach Juquitiba ist leider keine einzige mitgekommen! Es ist sehr sehr schwer fuer Anna, wir koennen fuer sie beten, dass sie viel Kraft und Durchhaltevermoegen hat!

Abends um 19:30 Uhr ist dann in unserer Kirche (mit einigen Leuten aus der Gemeinde) Gottesdienst. Dort singen wir viel, beten zusammen und lesen in der Bibel und lernen davon. Abwechselnd bereitet sich jemand von uns von der CENA dafuer vor.


Donnerstag (quinta-feira): Cadeia – Gefaengnis
nachmittags besuchen wir dann die Maenner im Untersuchungsgefaengnis. Es gehen immer 4 von uns mit João mit, nicht weit weg vom Buero. Warum nur 5 Leute? Das ist so Vorschrift, dass nicht mehr mit rein duerfen. Meistens geht noch eine Rechtsanwaeltin mit (was die Gefangenen nicht wissen muessen), und kuemmert sich um die Anklagen und hat Einsehen in die Unterlagen, so dass sie den Maennern sagen kann was wann wie wo laeuft. Die Maenner selber koennen sich oft keinen Rechtsanwalt leisten und sitzen einfach ihre Zeit ab. Das Gebaeude besteht aus einem Innenhof mit ca. 50 qm², ueber dem ein Gitter angebracht ist. Vom Hof aus gehen 4 Raeume weg, die eigentlich fuer 20 Leute, also fuer insgesamt 80 Maenner gedacht ist. Aber derzeit sind ca. 180 Maenner dort. Ein trauriger Anblick. 
Fuer sie ist dann unser Besuch eine richtige Abwechslung - einige singen richtig von ganzem Herzen mit und hoeren auch eifrig bei der kurzen und kraeftigen Predigt zu und lesen auch gern in der Bibel (die sie von uns geschenkt bekommen). Aber es gibt auch einige die gar nichts von Gott wissen wollen. Und die ziehen sich in der Zeit zurrueck.

Hier sind viele Maenner, gerade aus dem Stadteil um den Bahnhof “Estacão da Luz” herum (es ist auch unter “Boca do Lixo” (Mund des Muells) bekannt, wie es auch schon Tobi, der schon einige Male hier in Brasilien war (weil es mittlerweile so seine zweite Heimat geworden ist) genannt hat). Also besonders von hier kommen viele in den Knast, durch Diebstahl, unerlaubten Waffenbesitz, vor allem Drogen und vielen anderen Dingen. Und mir ist gesagt worden, dass jeder der da reinkommt sich irgendwo anschliessen muss. Es haben sich drei Gruppen ergeben, die „das Sagen haben”. Sie kontrollieren z.B. auch den Aus- und Eingang von Briefen und anderen Dingen. Sie koennen fuer Krawall, oder aber auch fuer Ruhe sorgen. Aber vor allem akzeptieren sie João und stehen hinter ihm! Dann gibt es die “Fleissigen” die sich darum kuemmern, dass es sauber und ordentlich ist, damit es nicht zu Erkrankungen und irgendwelchen Infekten kommt. Und die Dritten sind die, die sich fuer den Glauben interessieren. Wir singen erst immer zusammen und dann gibt es eine Andacht/Predigt mit anschliessendem Gebet. Danach reden wir noch einzeln mit den Leuten und letztens verteilten wir auch neue Bibeln zu Weihnachten.

Es ist wirklich toll wie viel Interesse sie zeigen und fleissig in der Bibel lesen, Fragen stellen und einiges genau wissen wollen. Aber wer sich dann wirklich an Jesus haelt, an ihn glaubt - das kristallisiert sich erst dann heraus, wenn sie entlassen werden und dann alleine sind - wieder mit der abwechslungsreichen Umwelt um sich herum konfrontiert werden. In der Gruppe ist es leichter mitzuschwimmen, mitzumachen, sich anzuhaengen, aber dann auf sich gestellt als Einzelkaempfer ist es schwer so weiter zu machen, wenn der Glaube nicht das ganze Herz erfuellt und das Herz sich ganz Jesus verschrieben hat. Dann faellt der Mensch wieder zurueck, wo er hergekommen ist und wird vielleicht noch schlimmer als zuvor. Wie es auch in der Bibel in Lukas 11, 24 steht: “Wenn ein Daemon sein Opfer verlaesst, dann irrt er so lange ruhelos umher, bis er ein neues Opfer gefunden hat. Findet er keines, entschliesst er sich: “Ich will dahin zurueckkehren, woher ich gekommen bin.” Wenn er zurueck kommt, findet er seine fruehere Wohnung sauber und ordentlich aber leer. Dann sucht er sich noch sieben andere Daemonen, die schlimmer sind als er selber. Sie ergreifen zusammen Besitz von dem Menschen, der nun schlimmer dran ist als vorher!

So sieht es aus, die Maenner haben die Moeglichkeit, entweder sich zu aendern, ihr Leben von Jesus abhaengig zu machen, oder vom Daemon, der in Form von Drogen, Alkohol, Geld, Reichtum, Gewalt, Habgier, Geiz, Streit und vielen anderen Dingen kommt. Deshalb sollen wir uns in Acht nehmen wie es auch in 1. Petrus 5, 8 -10 steht: ”Bleibt besonnen und wachsam! Denn der Teufel, euer Todfeind, schleicht wie ein hungriger Loewe um euch herum. Er wartet nur auf ein Opfer, das er verschlingen kann. Stark und fest im Glauben sollt ihr seine Angriffe abwehren. Und denkt daran, dass alle Christen in der Welt diese Leiden ertragen muessen! Gott aber, von dem ihr nichts als Gnade und Liebe erfahrt, hat euch durch Jesus Christus zugesagt, das er euch nach dieser kurzen Leidenszeit in seine ewige Herrlichkeit aufnimmt. Er wird euch ans Ziel bringen, euch Kraft und Staerke geben, so dass ihr fest und sicher steht.
So das war es ganz kurz zum Donnerstag...


Freitag (sexta-feira): ist wieder Speisung der 5000, aber das kennt Ihr ja schon, nur dass ich dann abends nicht nach Santo Andre fahre, sondern hier in den Raeumen der CENA bleib.

Nach der getanen Arbeit die unter der Woche auf dem Plan steht, sind auch oft noch abends besondere Aktionen ungeplant gemacht worden, wie z.B. Besuch der Kinder im Slum (Favela) mit Nahrungsmittel und Einladung zur Kinderfreizeit. Aber einmal haben sich Anna und Simone auf den Weg dorthin gemacht, um ein Maedchen, das aus Juquitiba gegangen ist wiederzufinden. Und wirklich. Im letzten Moment, als es schon echt dunkel war, haben sie sie unter den vielen Kindern an diesen vielen moeglichen Orten, wo sie haette sein koennen, gefunden, und sie ist wieder zurueckgekehrt ins Kinderhaus!!! Das war eine grosse Freude. Aber man findet hier auch viel viel Leid - besonders unter den Obdachlosen.


Samstag (sábado): ist dann schon frei und wir koennen einiges Unternehmen und erleben, sehen und ankucken, z.B. ist ein Mal die Jugend der Gemeinde im Park zusammen picknicken gegangen.


Sonntag (domingo): ist dann ab 17:30 Uhr Escola Dominical - also Sonntagsschule fuer Erwachsene, spezieller Bibelunterricht. Und ab 19:00 Uhr ist Gottesdienst in unserer garagenaehnlichen Kirche! Am 23.12. war ein grosses Weihnachtsfest. Es waren sooo viele Leute da, dass viele auch auf der Strasse standen um mitzubekommen was die Kinder und Teenager vorbereitet haben! Am 24.12 hab ich “feliz natal” – frohe Weihnachten mit allen aus den Familienhaeusern aus Santo Andre gefeiert! Und es war ein grosses, turbulentes aber auch ein sehr schoenes Fest!!! :-))

Es ist schoen zusammen, es ist wie eine grosse Familie. Wenn jemand fehlt, wird oft danach gefragt, ob alles in Ordnung sei. Wir verstehen uns gut alle untereinander und es gefaellt mir wirklich sehr!! Nur ist bei mir in vielen Situationen natuerlich immer noch die Sprache mein Schwachpunkt, der es mir schwer macht, mitzubekommen worueber gelacht wird, oder aneinander gedacht wird. Daran teilzuhaben ist fuer mich oft nicht moeglich und dadurch fuehl ich mich oft ausgeschlossen, aber das bessert sich mit Zeit! Weil ich weiss, wie es in Psalm 63, 8 steht: ”Denn du hast mir immer geholfen: ich preise dich, unter deinem Schutz bin ich sicher und geborgen ich klammer mich an dich und du haeltst mich mit deiner starken Hand!

Liebe Gruesse Eure Tabea