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Erlebnisberichte

von tabea/erlebnisberichte 

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Brasilien, São Paulo - Casa Familia

Liebe Freunde!

Lang ist’s jetzt schon her das ich Euch das letzte mal nen Bericht geschrieben hab. Mein letzter Brief kam zwar mit Verspätung, aber noch vom 4. November aus Juquitiba, aus dem Kinderhaus der Fazenda, und jetzt ist ja schon wieder viel Zeit verstrichen und ich hab schon wieder einiges erleben dürfen, von dem ich neu erzählen möchte! Die Zeit verfliegt hier immer schneller, und wir rasen auf Weihnachten und den Jahreswechsel zu. Nun aber etwas über den vergangenen Monat,
in dem ich in Santo Andre gewohnt hab...

Genauso wie auch die Bewohner aus Juquitiba bin ich von der Fazenda in das Casa Familia Haus übergesiedelt (ich hab Euch von den beiden Häusern schon im ersten Bericht kurz erzählt!). Es ist ungefähr so, wenn der Bewohner von der Straße längere Zeit in Juquitiba gewohnt, mitgearbeitet, sich in die Gemeinschaft eingebracht und eine Beziehung zu Gott aufgebaut hat, beraten die Leiter aus Juquitiba (Luzia, Bill und Damaris) und die Leiter hier aus der Casa Familia (Silvia, Paulo, Denise, Marcelo und Madalena) und beten viel darüber, ob der Schüler oder Bewohner aus Juquitiba schon so weit ist, um wieder zurück in die Stadt gehen kann, nach Santo Andre ins Familienhaus! Natürlich wird da auch immer der Schüler vorher selbst gefragt, ob er sich bereit fühlt aus der sehr ländlichen Gegend wieder zurück in die Stadt zu gehen. So und jetzt hab ich schon die letzten Wochen hier mit im Haus 1 bei Paulo und Silvia mit unter einem Dach gewohnt und hab auch gleich von Anfang an meinen Plan bekommen, damit ich mich so gut wie möglich in die Großfamilie integrieren kann. Diese Familie besteht aus 21 Leute jeder Altersgruppe, von der kleinen Pamela (2 Jahre) bis zu Louis Carlos (50 Jahre) der auf alle so ein bisschen aufpasst.


1. Kurz mal zur Familie, die ja aus den unterschiedlichsten Leuten besteht, zum einen aus einzelnen Männern und jugendlichen Mädels und Burschen und Teenagern und dann aber auch ne Mama mit Ihren 3 Kindern und noch ner Mama mit Ihrer Tochter. Da wir so viele sind müssen auch hier ein paar Grundregeln und Richtlinien, sowie Ansichten im Umgang miteinander geklärt sein. So ziemlich am Anfang meiner Zeit dort wurde gleich dieses Thema groß miteinander besprochen "was bedeutet für Dich Familie?" und "wie bringst Du Dich in die Familie ein?". Es sind viele Argumente und Punkte erwähnt und aufgeschrieben worden, wie z.B. Rücksichtnahme, teilen, aufeinander achten, aufeinander aufpassen, Interesse am Andern zeigen, mithelfen, Anteilnahme an der Gemeinschaft, Kritik richtig ausüben und Kritik akzeptieren, andere annehmen wie sie sind, sich aber auch an die Gemeinschaft angleichen und vieles mehr...! Gerade auf so engen Raum ist es wichtig, gut miteinander auszukommen und so zu leben, dass sich jeder wohlfühlen kann und es eine Familie ergibt!


2. Kurz zum Tages- und Wochenablauf, der nicht immer gleichmäßig ist, und vielleicht durch Geburtstage, Feiertage oder andere Ereignisse sich abwechselt. Aber im großen und ganzen ist vieles doch gleich, wie z.B. täglich (außer Samstag und Sonntag) morgens um 7 Uhr gemeinsames Frühstück (wer noch da ist und nicht außerhalb arbeitet), mit gemeinsamen Bibellesen (abwechselnd bereitet sich immer jemand für einen weiteren kurzen Abschnitt vor). Derzeit lesen wir im Lukas-Evangelium. Es ist wirklich interessant und empfehlenswert, so die Bibel immer näher kennen zulernen und daraus für sich einiges zu filtern.

Gleich montags bin ich für den Abwasch des Frühstückgeschirrs zuständig - wie immer alles einschäumen und danach kalt abspülen. Jeder hat wieder einen Bereich im Haus, den er sauber macht und sich darum kümmert, dass alles in Ordnung ist. Danach sind die, die nicht außerhalb arbeiten gehen, im Haus in dem Aresenato (der Recycling-Werkstatt) dafür verantwortlich, die unterschiedlichsten Dinge herzustellen und zu basteln. Derzeit vor allem für den Weihnachtsmarkt. Ansonsten über das ganze Jahr mit Recycling-Papier alles Mögliche zu überziehen und einzubinden (ich werd auch einiges mitbringen, so könnt Ihr die Blöcke und Hefte und Kalender und vieles mehr selber ankucken oder auch kaufen!). Nach dem Abwasch lerne und unterhalte ich mich mit Paulo auf englisch - er braucht noch ein bisschen mehr Praxis in Konversation auf Englisch (das üben wir ca. 3 mal in der Woche). So gegen 12 Uhr gibt’s dann "Almoco", das Mittagessen (natürlich auch immer mit Bohnen und Reis und dazu viele gute neue Gerichte die ich noch nicht kannte!), und danach wird wieder gemeinsam gearbeitet im Artesenato. Mit kurzer Unterbrechung von süßem Kaffee! Danach geht’s weiter bis um 18 Uhr. Um 19 Uhr ist Abendessen angesagt und danach freie Zeit, in der sich jeder um seine Sachen kümmert, wie z.B. Wäsche waschen).

Ihr seht es geht etwas lockerer zu als in Juquitiba, natürlich auch deswegen, weil viele arbeiten gehen und Abends noch einige zur Schule gehen. Es ist nur vorgegeben, wer wann Essen richtet und wer danach abwäscht und was täglich geputzt werden muss, ansonsten erwartet man von jedem Einzelnen, dass viel Eigeninitiative gezeigt wird. Samstag ist vormittags großer Putztag bei dem alle mitschrubben danach ist frei, und abends dann noch gemeinsamer Haus-Gottesdienst. Sonntags verbringt man die Zeit zusammen und geht um 17:30 Uhr zum Bibelunterricht und ab 19 Uhr ist großer Gottesdienst in unserer garagenähnlichen Kirche im Zentrum!


3. Für mich sind noch Dienstag und Freitag zwei besondere Tage, an denen ich am Nachmittag mit ins Zentrum fahre, um dort bei der Obdachlosen-Speisung in der Kirche mithelfe. Ab ca. 13:30 Uhr wird in der Küche der Kirche für ca. 100 Leute angefangen zu kochen. Und das ist immer ne Menge Reis und Bohnen (natürlich) mit Gemüse und Fleisch, das zusammen in einem Kopf zubereitet wird. Wir könnten das alles nicht schaffen, wenn nicht immer noch freiwillige Helfer aus der Gemeinde und anderen Kirchen mit anpacken würden, das ist für uns eine große Hilfe! Anfangs können immer schon ein paar Leute von der Straße kommen und sich frische Kleidung holen und duschen... und ab ca. 15:30 Uhr ist für alle Gottesdienst, der mit Liedern anfängt und wo sich abwechselnd jemand vorbereitet, um einen Text aus der Bibel zu erklären. So einfach aber deutlich, dass es die Leute verstehen was Gott ursprünglich für diese Welt gedacht hat - nämlich Frieden, Freude und Freiheit. Deswegen hat er uns ja auch an Weihnachten seinen einzigen Sohn geschickt, damit wir frei werden, von dem was uns von Gott trennt. Wir beten noch alle zusammen vor dem Essen und dann geht’s los mit dem Verteilen der fertig gerichteten Teller. Und wer noch mehr Hunger hat, bekommt auch noch ne zweite Portion, Danach besteht die Möglichkeit Kleidung zu bekommen (die wir gespendet bekommen haben) und zu duschen. Anahie (eine mexikanische Praktikantin von OM) hat sich auch letztens über die schon langgewachsen Haarbüschel hergemacht und sämtlichen Leuten die Haare geschnitten. Zum Schluss ist für uns Großputz angesagt!

Sehr vieles geht mir dann immer noch durch den Kopf und es macht mich traurig, wenn ich die vielen Männer und Frauen sehe, die ja die Möglichkeit hätten (über die Mission nach Juquitiba zu gehen) und dann wieder in ein fast normales Leben geführt zu werden. Aber sie bevorzugen anscheinend das Leben auf der Straße. Sie lieben wohl die Freiheit, tun zu können, wie sie wollen, ohne Verpflichtungen ohne Verantwortung - nur immer seine eigene Haut retten zu müssen. In der Kirche bei der Essensverteilung und danach lernen sie ja Leute kennen, die auch auf der Straße waren und durch die Reha in Juquitiba in die Familienhäuser nach Santo Andre kamen und jetzt uns helfen! Vor allem haben mich die vielen Wunden und Verletzungen echt fast umgehauen - von Schnitt- über Schürff- bis zur Schusswunde. In Deutschland würde man so manche Verletzungen operieren, oder auf jeden Fall ärztlich behandeln. Aber hier gehen die Leute sehr ungern zu der kostenlosen Ambulanz weil man dort stundenlang warten muss und wenig ausgerichtet wird (das haben wir selber erlebt, also Simone ihre Nagelbettentzündung verarzten lassen wollte) und so versuchen wir das Nötigste selber zu machen, die Wunden auszuspülen und zu verbinden.

Aber die inneren Wunden sind oft das viel größere Übel - das können wir uns immer nur anhören und verstehen und Ratschläge geben - aber wirklich heilen kann das nur Jesus, wenn die Leute sich ihm anvertrauen, dann besteht die Möglichkeit Stück für Stück frei zu werden von dem, was belastet. Für uns besteht nur die Möglichkeit ihnen das zu sagen, dass sie geliebt werden und so vor Jesus kommen können wie sie sind! Die seelische Belastung ist für mich oft schwerer zu verarbeiten, als die ganzen anderen Umstände. Nach der Speisung der 5000 (so nenn ich das gern, weil echt so viele Essen raus gehen - aber im Gegensatz zur Geschichte bleibt meistens nichts mehr übrig) sind wir immer ganz froh wenn wir im Zentrum, im Büro der CENA gemeinsam noch für uns was essen können und Ruhe haben und danach bald mit der Bahn nach Santo Andre ins Casa Familia fahren können.


Oft genieße ich danach die Gespräche mit Silvia, die ja schon seit 7 Jahren die Arbeit mit den Randgruppen macht. Und sie kann mir durch die Erfahrungen die sie schon gemacht hat so viele Fragen beantworten und Ansichten nahe bringen. Sie ist mittlerweile eine große Schwester und supergute Freundin für mich geworden. Vor allem freut es sie, das sie gelernt hat wie man Hefezopf und Sterntaler für Natal (Weihnachten) backen kann!

So jetzt werd ich mal für’s erste meinen Brief beenden, und Euch noch weiterhin eine gesegnete und ruhige Adventszeit wünschen (auch wenn ich es hier nicht ganz so erlebe und mir nicht vorstellen kann das bald Weihnachten sein soll!)

Liebe Grüße an Euch alle,
Eure Tabea