Ursprünglich war "Favela" die Bezeichnung eines Hügels in Rio de Janeiro, an dem arme, von der Gesellschaft ausgestoßene Menschen Hütten aufgebaut hatten, um wenigstens ein, wenn auch erbärmliches, Dach über dem Kopf zu haben. Doch in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, als die Städte durch die Industrialisierung ein immer attraktiver Anziehungspunkt für die mittellose Landbevölkerung wurden, wuchs eben auch das Heer jener, die keine gutbezahlte Arbeit oder feste Anstellung fanden und ein notdürftiges Quartier finden mussten. Als fester Bestandteil des brasilianischen Lebens hat die Favela leider etwas Banales, Alltägliches angenommen, was die Bedeutung dieses sozialen Missstandes zu verharmlosen droht. Die "Favelados" sind zum größten Teil Opfer der im Nordeste vorherrschenden Trockenheit oder von den Fazendeiros und den großen landwirtschaftlichen Konzernen vertriebene Bauern. Sie schlagen sich bis zu den Außenbezirken der Millionenmetropolen durch, errichten dort ihre Hütten. 

Eine Favela ist zunächst illegal besetztes Land, auf dem die Menschen notdürftige Hütten bauen. Es existieren keinerlei Besitzansprüche, und nicht selten kam es vor, dass die ganze Favela mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht wurde und die Menschen ihr weniges Hab und Gut verloren haben. Von den hygienischen Verhältnissen und der Gefahr von Krankheiten kann man sich ein lebhaftes Bild machen. Nur ganz wenige Favelas haben den Wandel zum sauberen Unterklasseviertel geschafft, die meisten werden sich wohl nie ändern. In den Favelas wohnen die Putzfrauen und Fabrikarbeiterinnen, die Hausmeister und Taxifahrer - Menschen, die hart ums Überleben kämpfen müssen. 

Das Problem der Favelas bleibt unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen jedoch praktisch unlösbar, da sie schneller wachsen als sie zerstört werden. Überdies werden die Favelados in düstere Stadtteile mit Sozialwohnungen umgesiedelt und sich dann gezwungen, täglich mehrere Kilometer unter unzumutbaren Umständen zurückzulegen, um zur Arbeit zu gelangen. So erstaunt es nicht, dass sie alles daran setzen, um in ihre Favela zurückzukommen. Sie verlieren ihre soziale Bindung, sobald sie am Rande der Stadt in einen diesen seelenlosen Betonblocks deponiert werden. Paradoxerweise untersuchen Architekten aus aller Welt das Phänomen der Stadtorganisation innerhalb der Favelas als Musterbeispiel für rationale, intelligente und flexible Siedlungsformen, wobei die Behörden sich für eine Politik der Integration der Slums entschieden hätten, indem sie sie in die Stadtplanung miteinbeziehen und die Frage des Grundbesitzes auf eine legale Grundlage zu stellen versuchen. Die Regierung verzichtete bereits auf Grundstücke, auf denen sich Elendsquartiere angesiedelt hatten. 

Man muss sich einmal den unglaublichen Mut und die Anpassungsfähigkeit der Favelados vor Augen halten. Sie haben es trotz erbärmlicher Ausgangsvoraussetzungen und qualvoller Enge geschafft, sich irgendwie zu arrangieren und das Leben einigermaßen erträglich zu gestalten. Auch wenn diese Art der Existenz gemeinhin als krebsartige urbane Wucherung bezeichnet wird, die als ein Hort Krimineller vor sich hinfault, die Favelas haben noch eine andere Seite: sie ermöglichen die Errichtung eines sozialen Geflechts, das sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpasst. In manchen Favelas kämpfen die Bewohner gemeinsam um fließendes Wasser, um Kanalisation und Elektrizität. Die Solidaritätsbekundungen unter den Favelados sind zahlreich. Ein alter Mensch fühlt sich dort niemals einsam, und einer kranken Mutter nimmt man die Kinder ab. Die Favelas sind Welten für sich mit eigenen Gesetzen und Regeln. 

Den Chefs der Favelas kommt bei der Ausgestaltung des Gemeinwesens eine zunehmende Bedeutung zu. Sie spielen eine wichtige soziale Rolle und sind eine Art Robin Hood der Stadt. Oft verdienen sie viel Geld aus dem Wiederverkauf von Kokain an die wohlhabenden Bürger der Stadt. Die Tatsache, dass die Reichen auf diese Art und Weise die Institutionalisierung der Favelas finanzieren, mutet schon sehr zynisch an. Als im August 1987 in der Favela von Rio der Anführer eines Drogenhändlerringes verhaftet wurde, protestierte die Bevölkerung gegen diese Verhaftung, da dieser die Kanalisation finanziert hatte und elternlose Kinder durchbrachte. Die Drogenbossen sorgen dafür, dass alles seine Ordnung hat. In den Favelas lebt man relativ sicher, nur selten gibt es Diebstähle und Raubüberfälle. Gefährlich wird es allerdings, wenn man zwischen die Fronten zweier rivalisierender Drogenbanden gerät oder in den Verdacht, nicht loyal zu den jeweiligen Herrschenden zu halten. Die Bosse sorgen dafür, dass es Beschäftigung gibt, Kranke zum Arzt gehen können, die Kinder einen Sportplatz bekommen, dass bei einem großen Fest alle kostenlos essen und trinken können. 

Das Leben unter den Umständen der Favelas kann man oft nur als Überlebenskampf bezeichnen. Dass diese soziale Situation die Eskalation von Gewalt und den Konsum von Drogen zur Folge hat, ist klar. Schießereien, Raub und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Alkohol und Drogen "helfen" dabei, den harten Alltag zu vergessen. Die Familien bestehen oft aus 6 und mehr Personen. Dabei sind nicht viele Väter mitgezählt, weil diese die Frauen häufig sitzen lassen. Brasilien ist weltweit das Land mit den meisten alleinerziehenden Müttern. Und die Zahl der Kinder wächst immer weiter, da Verhütung für viele etwas unbekanntes ist. Damit genug Einkommen für die ganze Familie da ist, müssen schon kleine Kinder Geld beschaffen, entweder durch Betteln oder durch Arbeit. Die Arbeit der Kinder hat zur Folge, dass sie keine Zeit mehr haben, um in die Schule zu gehen. Der Weg zu einer Berufsausbildung und damit zu einer besseren Zukunft bleibt versperrt. Es ist beinahe unmöglich für diese Menschen, diesen Teufelskreis zu verlassen.

Kein Reisender wird die Augen davor verschließen können, dass es im heutigen Brasilien überall Favelas gibt. Kaum eine Fahrt vom Flughafen zum Hotel, ein Ausflug in einen benachbarten Ort, ohne dass man entlang ganzer Viertel von Favelas fährt. Warnung: Wagen Sie sich nie alleine in eine Favela! Mal ganz abgesehen von dem unvermeidlichen und unangenehmen Gefühl, ein Voyeur zu sein, wäre so etwas zu riskant. Sich zumindest von einem brasilianischen Bekannten begleiten lassen, der dort die richtigen Leute kennt. Andernfalls ganz auf das Favela-Abenteuer verzichten!

 

 

Typische Favelas in Brasilien

 


Favelas in Rio

 

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Teile des Textes und des verwendeten Bildmaterials wurden freundlicher- weise von der Firma brasilien.de in Eichstetten zur Verfügung gestellt. Mehr Infos zum Thema Brasilien gibt es über obige Sub-Navigation oder im Internet unter http://www.brasilien.de.